Kategorie-Archiv: Allgemein

GM#6 — The Medium is the Mess

THE MEDIUM IS THE MESS — Geister im Netz und die Namen des Mediums — Geister und Medien #7 als mp3 hoeren

Ueber das Nichts kann mer eigentlich nichts sagen (was nicht heisst, dass mer drueber nicht tausend Worte verlieren koennte), aber ueber das, was zwischen dem Nichts und dem Etwas liegt zu reden, — ueber das zu reden sind wir alle — Vetreter_innen der Tierart »Mensch» — die eigentlichen Profis . . .

In dieser Sendung geht es primaer darum, dass wir selber die Medien sind, durch die wir schauen. Und dann auch noch um die Geister die sich im Netz manifestieren, egal ob es »Geister» sind (von Lebenden — vielleicht dem Betrachter selbst — bewusst gesteuert) oder Gespenster (die sich sich ohne Sinn und Absicht selber reproduzieren und herumspuken). Auf jeden Fall bewegen wir uns in einer von uns selber und von allen durcheinanderschwirrenden Echos dicht bevoelkerten Immaterie.

Mit Referenz an Boris Groys (Im Namen des Mediums, Supposé Koeln, 2004) an Viktor Mazin (Freuds Gespenster. 2004, Matthes&Seitz, Berlin 2015) und an den hilfsbereiten Herrn, der mir freundlicherweise helfen wollte, meine infected Files & Folders von meinem Computer zu loeschen . . .

20180715 TMS

GM#5 — . . . soweit nichts Ueberraschendes (zu Pfingsten): die Logik des Spuks ! — Geister & Medien

LOGIK DES SPUKS (nichts Ueberraschendes) — Geister und Medien #5 als mp3 hoeren

»Nichts Ueberraschendes» in der pfingstlichen Geisterstunde von RadioDifficulture:

»Es ist die Logik des Spuks, die konsequent die Logik binaerer Oppositionen aufloest — solcher wie Herr und Gast, Abwesenheit und Anwesenheit, Sichtbares und Unsichtbares, Gefuehltes und Begreifbares, oder physische und praktische Realitaet. Das Gespenst ist gleichzeitig hier und nicht hier, es ist sichtbar und unsichtbar, seine Anwesenheit ist spuerbar, doch der Verstand sagt, dass es nicht existiert» (Mazin)

Meine ebenso widerspruechlichen wie dogmatischen Nebensaetze im Vor- bzw. Nachhall dieser Audiocollage:
— die Behauptung von Widerspruchsfreiheit (in Organisationen wie z.B. dem Israelischen Staat, der katholischen Kirche, einer Bank oder einer Kunsthochschule) ist immer ueberzeugender Hinweis darauf, dass auch dort — wie nirgendwo, wo ueberhaupt etwas gesagt wird — keine Widerspruchsfreiheit sein kann
— wer nicht wenigstens insgeheim daran glaubt, dass Geister in und aus uns kommen, liest keine Zeitung, schaut nicht fern, benutzt kein Geld, spricht nicht, nutzt keine Medien
— selbstverstaendlich muss Geist/ muessen Geister nicht Geist/Geister genannt werden — die Wellen der Indifferenz (in der Selbstgegenwaertigung der Gegenwart) ermoeglichen das Auslassen aller Begriffe, — aber dies kann nicht durch die Indifferenz ausgedrueckt werden, also nutzen wir doch weiterhin die Technologie der sprachlichen Differenzierung (oder anderswo auch das Rechnen mit den irrationalen Zahlen) um die Wellen der Indifferenz ein bisschen anzuschaukeln
— ». . . noch die ausdrueckliche Sprache selbst sollte zusaetzlich zum absoluten Schweigen des Selbstbezugs hinzukommen» (Derrida) — waehrend dem Reden schweigen wir also immer auch
— Wellen der Indifferenz
— die Behauptung Gegensaetzlichkeit von Leben und Tod kann in dieser Form nicht weiter aufrecht erhalten werden

20180520 TMS

Quellen verwendeter Texte:
– Jacques Derrida, Die Stimme und das Phaneomen (1967). Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003
– Viktor Mazin, Freuds Gespenster (2004). Matthes&Seitz, Berlin 2015

GM#4 — Spring, Beautiful Spring ! (koerperlose Stimmen #2) — Geister & Medien

SPRING, BEAUTIFUL SPRING — Geister und Medien #4 als mp3 hoeren

Ich stelle in dieser Sendung in groben Zuegen mein Kulturpublizistk-Abschlussprojekt an der Zuercher Hochschule der Kuenste vor. »Koerperlose Stimmen — Geister- und Medienkonzepte» heisst das Masterprojekt, an dem ich zu arbeiten begonnen habe, und das sich bis Ende Jahr weiterentwickeln soll. Zwischenberichte ueber die anstehende Reise durch die sozialen Resonanzen »des Aethers» werden weiter vier mal ueber denselben Kanal erstattet:
RadioDifficulture: 20.5., 15.7., 7.10., 2.12. — jeweils Sonntags 21.45 Uhr —
Vielleicht gibt’s weitere Reminder, vielleicht auch nicht

In der Sendung vom Sonntag streife ich durch Gebiete der Radiogeschichte, begegne einem Bericht Aby Warburgs ueber Wassergeister, lese Saetze von Mario Perniola ueber das Fuehlen, vernehme aus fluesterndem Espenlaub Carl-Gustav Jungs Wunsch, die Psychoanalyse als ekstatische Religion aufzubauen, und leihe meine Stimme Allen Ginsberg, der auf Père Lachaise zum Gesang auf den Orphiker Wilhelm Albert Włodzimierz Apolinary de Wąż-Kostrowick anstimmt: »At Apollinaire’s Grave»

Sehr gern nehme ich jede Art von Resonanz entgegen, wenn sie sogar verbale Form anzunehmen vermag, ist das natuerlich besonders wertvoll — egal, ob sie ermunternd oder kritisch, oder kritisch-ermunternd oder auch meinetwegen vernichtend waere . . . Das geht in 3d, ueber Mail oder warum auch nicht ueber Facebook (Id: Strebelinsky)

dedicated to my Sisters
Und ich wuensche: Beautiful Spring !
tobias marcos

Quellen verwendeter Texte & Audiodaten:
– Old-Time Radio Shows: „On the Air“ 1937 Chevrolet (featuring David Robinoff)
https://www.youtube.com/watch?v=R9qGcRg2rjQ ((Rubinoff trat nicht nur in hunderten von Radiosendungen auf, sondern war mit seiner Stradivarius auch im Weissen Haus gern gesehen))
– Boris Groys, Im Namen des Mediums, Audio-CD, Supposé. Wyk auf Föhr, 2004
– Jacques Derrida, Die Stimme und das Phaneomen (1967). Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003
– Aby Warburg, Schlangeritual. Wagenbach, Berlin 1988 (zit-S13)
– Mario Perniola, Ueber das Fuehlen (1991). Merve, Berlin, 2009 (zit-S19)
– Mario Erdheim, Einleitung zur Lektuere Freuds »Totem und Tabu» in: Sigmund Freud, Totem und Tabu (1914). S.Fischer, Frankfurt a.M. 2002 (zit-S16)
– Allen Ginsberg, Kaddish and other Poems 1958-1960. City-Light-Books, San Francisco, 1961 (zit-S48: »at Apollinaire’s Grave»)

GM #3 — Ghost Dance — to come from nowhere (Geister & Medien #3)

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RadioDifficulture: Ausstrahlung auf Radio Lora 97,5 MHz, SO21, am 28. Januar 2018, 21.45 h
GHOST DANCE — to come from nowhere — Geister und Medien #3 als MP3 hoeren

Zu Anfang der technischen Revolution gerieten Geister scheinbar in Vergessenheit, doch gerade durch Fotografie, Kino und durch die Audio- und Fernmeldetechnologie oeffnete sich ihnen ein neuer Raum: »Now they often jump on radiowaves . . . »

Eine sonntagabendliche Scéance, bzw. ein radiophonischer »Remix» von »Ghost Dance», dem Film Ken Mc Mullens (1983) mit Jacques Derrida, in dem viele Facetten von Geistern und Medien vergegenwaertigt werden. — »Ghost Dance» war ebenso der Name einer Emanzipationsbewegung amerikanischer Natives im neunzehnten Jahrhundert, die 1890 im Massaker von Wounded Knee niedergeschlagen wurde.

GM #2 — Solipsismus (Geister&Medien II)

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RadioDifficulture Ausstrahlung auf RadioLora, 3.Dezember 2017, 21.45 h
SOLIPSIMUS — GeisterUndMedien 2 als MP3 hoeren

Jeder Kuenstler ist ein Narzisst (sagte Hans Belting an einer Tagung an der ZHdK im vergangenen September):

Zwei alte Käuze, die fast noch lieber über sich selber lachen, als über den Rest der Welt, reden im Hinter- und Vordergrund dieses Audiostuecks über Solipsimus — als Begriff und Daseinskonzept — oder sogar als Krankheitskonzept? Neben TMStrebel und KHonegger wirken mit: LContin, MNeumeier, OWelles . . .

Ouroboros saugt sich fest an seiner Coda. Er scheint eher daran zu nuckeln, als dass er sich darin festbeissen würde. Und eher findet er Ruhe und spirituell genährte Selbst- und Allvergessenheit, als dass er anfangen würde, sich selber hinterherzujagen, bzw. vor sich selber zu fliehen (oder vielleicht doch? — Gibt es den Solipsimus in gestresster wie in entspannter Form?).

Der durch Ouroboros illustrierte Kurzschluss der Schnauze mit der Coda ist aber vielleicht auch eine altägyptische Satire auf die aufkommende Bedeutung der Codes und Kodizes (≈Zeichen & Buecher) — dieser in Sprache und Schrift gegossenen Exkremente geistiger Beutegeange, die ihren Angriff auf die kontinuierlich fliessende Gegenwart aller Zukünfte aufnehmen, um über das Medium der geistigen Verwirrung ihre lichthaften Blueten in allen schillernden Farben kaleidoskopischer Paranoia zu treiben . . .

Aber da kann ich den gebeutelten Rezipientinnen und -enten hoechstens noch wünschen: Weiterhin viel Geduld und Vergnügen !

documenta 14 — Ignoranz ist eine Tugend

20170820
20170621_2177_Zevallos >Zevallos

Projekt Geister & Medien : Kunst / Kultur / Konflikt
Gedanken zur performativen Setzung des Grosskunstwerkes
documenta 14, «Lernen von Athen»
((Viel schoener als hier online, kann mer diesen Text ab Papier lesen. Bitte bestelle die Ausgabe von XtraMedium „Ignoranz ist eine Tugend“ via FaceBook >>Strebelinsky))

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streit

Manchmal produziert die Komplexitaet der Beziehung den Streit um die Beteiligten neu aufeinander zu kalibrieren: Bersten der Bruechigkeit, um die Dynamik neu zu erschaffen / Erneut fuer Sinn und Authentizitaet kaempfen / Motivationsupdates / Zwischen eingetretenen Pfaden die neuen Wege in die Landschaft legen / Kennenlernen, was schon lange bekannt erschien, aber unter verschobenen Gesichtspunkten anders aussieht / Die Zukunft neu erfinden, die visionaere Phantasie an die Stelle der so nahe verwandten Angst zu stellen / Lust am Sein — und: An der Aesthetik des Verschwindens.

«Ich liebe es, mich über Kunst zu streiten. Das Schöne daran ist, dass es keine falschen Antworten gibt. Wir beide können uns vor ein Gemälde stellen, und ich sage: Toll! Und Sie sagen: Nein, das ist Scheisse. Und beide Meinungen sind richtig.» — sagt Breaking-Bad-Star Bryan Cranston in der Sonntagszeitung vom 15. Juli 2017. Schoen, sich den Streit ohne Aburteilung vorzustellen. Schoen auch, dass Susan Sontag die Interpretation so plausibel fuer obsolet erklaert hat.

Virulent erscheint die Frage, ob eine gemeinschaftliche Organisation kritische Stimmen eher integriert oder eher ausschliesst. Zu jeder einzelnen Person und zu jeder Gemeinschaft von Menschen laesst sich eine Einschaetzung machen, wie sie in Bezug zur kritischen Selbstreflexion steht. Es ist ein Hauptmerkmal von Diktaturen, dass sie Kritik ausschliessen, und es ist auch selbstverstaendlich, dass Kritiker nie erwarten koennen, dass sie fuer ihre Kritik auf Anhieb geliebt, oder bezahlt werden. Sehr kultivierte Gemeinschaften wissen um den Nutzen der Selbstkritik. Als Kritiker in Konflikte zu steigen, bedeutet, in einem Beziehungszusammenhang intensivste Arbeit zu leisten. Es bedeutet, dass dieser Beziehungszusammenhang extrem ernst genommen wird, und dass fuer die Transformatonsoption — ohne Sicherheit auf persoenlichen Nutzen — viel investiert wird, und je nach dem auch die eigene Integritaet aufs Spiel gesetzt wird. — Das kann bis zum Heldentum der Maertyrer fuehren. «Morire per delle idee, l’idea è affascinante, . . . » singt Fabrizion de André — besser wenn es in der Verhandlung der Werte nicht zuviele Tote gibt!

Arnold Bode, der Gruender der documenta, in der nach Ende des zweiten Weltkriegs Kunst praesentiert wurde, die in Deutschland seit der Hitlerdiktatur nicht mehr zu sehen war, sagte — sinngemaess uebermittelt durch Bazon Brock: «Wenn Diktatoren Kuenstler mit ihren Arbeiten verfolgen, wenn jemand wegen einer Leinwand mit Farben drauf glaubt, dass das ganze Bataillone niederringen kann, oder meint dass der Staat gefaehrdet sei, weil Leute auf Leinwaenden mit Foto oder Farbe rummachen, dann ist das der groesste Beweis fuer die Wirksamkeit der Kunst!»

«Was ist der Grund dafuer, dass sich normale Buerger fuer Kunst interessieren?» fragt Bazon Brock in Portners Presseshow, Ausblick auf die documenta 14. «Ein normaler Mensch — sagen wir einmal christlich enkulturiert — weiss, dass er unmittelbar zu Gott steht, das heisst zwischen ihm und Gott steht nichts, kein Priester, keine Kirche, keine Religion, gar nichts. Er ist ein Individuum, das autorisiert ist als Abbild Gottes. Das heisst die hoechste Ehre, die einem Menschen widerfahren kann, ist dass er Repraesentant Gottes als sein Abbild ist. — Unmittelbar zu Gott sprechend, das heisst: er ist Indviduum, mit Freiheitsanspruch, mit Autonomieanspruch. Und das gehoert eigentlich zu jedem Menschen, nicht nur zu Kuenstlern und Professoren, sondern zu jedem Menschen! Also sind seit ungefaehr 600 Jahren, durch die Humanisten angeregt, —Luther ganz bedeutsam, als derjenige der unmittelbar zu Gott sich sogar autorisiert sieht, ueber alle Kirchen und Institutionen hinweg, oder durch sie hindurch, Gott anzusprechen, Freiheit und Autonomie zu folgen, — sind also alle Menschen daran interessiert, freie Individuen zu werden. Und seit ungefaehr hundert Jahren, ist es sogar Programm fuer jeden. Sogar Arbeiterbildungsvereine, die Volkshochschulen, die es seit den 1850/60-er Jahren gibt, sind daran interessiert, den Buergern zu sagen: du hast eine Wuerde als Individuum! Deine Menschlichkeit erfuellt sich erst daran, dass du selbstaendig einen Anspruch auf Individualitaet erhebst! Und das ist genau das, was die Kuenstler machen. Also gehe hin zu den Kuenstlern und lerne, wie man ein autonomes, selbstaendiges Individuum wird, das faehig ist, Aussagen ueber die Welt, oder Urteile zu faellen — ohne den Papst, ohne die Zeitung oder das Feuilleton, ohne den Markt zu bedienen!» >1

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medium kunst, fluss der geister

In der Vorstellungsrunde unserer Gruppe, die sich auf den Aspekt der Performance konzentriert, sage ich, dass ich spezifisch an der Verschraenkung von Geist und Materie interessiert bin, — wie wird Kunst zum Medium der Geister? — (der gestaltenden, malenden, zeichensetzenden Geister), — und wie transzendiert Kunst das, was ihre Bedeutung ist, vom sendenden Autor-Geist zum Geist der Rezeption? «Geister und Medien» ist der Arbeitstitel meines Masterarbeitsprojektes, das ich bis in gut einem Jahr realisieren moechte.

In den vergangenen Jahrhunderten wurde durch die rasante Entwicklung technischer und medizinischer Moeglichkeiten, — durch die physikalische Analyse und Entzauberung der Welt, — das Geistige von dem sich die Menschen schon immer irgendwelche Vorstellungen machten, ins nicht Messbare, ins nicht Reproduzierbare, nicht Materielle, oder sogar ins (berechtigterweise) In-Existente eingeordnet, und damit der weiteren ernsthaft-wissenschaftlich-philosophischen Betrachtung entzogen. Dass Hypnose Energie mobilisieren/kanalisieren kann, ist — wen wunderts: Top Secret bzw. Tabu!

Bei dieser sehr rudimentaeren Analyse darf nicht uebersehen werden, dass die wissenschaftliche Revolution zu einem starken Teil eine Revolution gegen die intellektuell-politische Vormachtstellung der Kirche war. Die alten organisierten Religionen stehen inzwischen moeglicherweise als anachronistische Systeme da, die im besten Fall noch ein der Irrationalitaet anhaengendes Restbeduerfnis der Gemeinschaft abdecken. Mit dieser Revolution wurde aber auch das geistig-spirituell-visionaere, das mit Brock eben ein Ausgangspunkt zur individuellen Autonomie der je eigenen Weltsicht ausmacht, zum Einen in die Psychiatrie eingewiesen, zum Anderen bekam es seinen Platz im gesellschaftlichen Rueckbindungssystem der Kunst. Diese wurde dadurch also noch staerker als zuvor zum Medium, das die Irrationalitaet zumindest gut nachbarschaftlich mit der «Rationalen Ordnung» der Gesellschaftsorganisation zu verbinden hatte. Das Visionaere, Seherische, auch die Naturmedizin haben in dieser Gemeinschaft ihren generell eher peripheren Platz.

Dort, wo sich dann aber Moeglichkeiten der Instrumentalisierung auftun, die dem Aufbau neuer aufstrebender Machtpolitik zuhilfe kommen koennten, sind auch die Errungenschaften der Kunst — diesmal als Marketing- und Propagandawissen — willkommem im System der behauptet-nuechternen Sachlichkeit.

Aber: Die Forschungserfolge der aktuellen kalifornischen Immortalitaetsforscher, — irrational-rationaler Visionaere, die — am besten mit reiner Theorie — endlich den Tod besiegen wollen, werden auch dann noch in den Kinderschuhen stecken, wenn es bereits auserwaehlte Menschen gibt (oder sag ich besser «Zombies» oder «Cyborgs»), die z.B. erst im Alter von tausend Jahren stuerben. — Die Verschraenkung der metaphysisch «wahren» und spuerbaren, aber immateriell-inexistenten Geisterwelt mit der rational greifbaren physischen Welt bleibt also weiterhin bestehen.

Boris Groys folgend kann ich Geister ganz allgemein als rein operationell, rein manipulativ bezeichnen. Auf dem Weg auf einer Suche nach einem Vokabular des authentisch Medialen (der menschliche Koerper als Medium zwischen Materie und Geisterwelt) schlaegt Groys vor, bei jeder Aussage oder bei jeder medialen Aktion danach zu fragen, welcher Geist sich denn hier durch die vorliegenden Zeichen manifestiere. Dies hilft zumindest so weit, dass das verstehende Denken in einen Bereich vordringen kann, in dem Begriffe definiert oder klarer gefasst werden koennen. — «Unsere Zivilisation, die», nach Groys, «zwar staendig Medientheorie praktiziert, aber an die Medialitaet des Menschen nicht mehr glaubt, hat auch kein Vokabular, keine Sprache, um die Phaenomene des authentisch Medialen ueberhaupt zu erfassen» >2

Vermutlich wird das Immaterielle niemals eindeutig erfassbar sein (sagt der unwissende Autor dieses Textes), doch scheint die vertiefte Beschaeftigung Erkenntnisse zu zeitigen — gewonnen eher ueber die Spiegelbilder, in denen das Immaterielle und Inexistente in Grenzfaellen doch Spuren zu hinterlaessen scheint: Immerhin kann das Pflanzenwachstum (und die daran haengenden tierischen Organismen) als Bewegung angeschaut werden, die dem 2. Themodynamischen Gesetz (der kosmischen Entropie) nicht wirklich gehorcht.

20170621_2130_MariaEichhorn >Eichhorn

Ich kann den Rundgang durch die documenta mit einer Nachrichtensendung vergleichen, die ich irgendwann am Radio hoere. Zufaelligerweise gleichzeitig zusammentreffende Informationspakete werden hintereinander praesentiert. Die Informationen wurden selektiert, transmittiert ueber die Kanaele des global Networks. Hinter jeder einzelnen Geschichte, die in der Sendung zu hoeren ist, steht eine viel komplexere. Bereits waehrend ich die Meldungen hoere, zerlegen und verbinden meine Wahrnemungreflexe die Geschichten — willkuerlich aber doch unter irgendwie passenden Aspekten miteinander. Wenn sich die Meldungen in mein Gedaechtnis eingeschrieben haben, und ich vielleicht spaeter davon traeume oder daran zurueckdenke, verwischen sich die Konturen der urspruenglichen Botschaften, und «my Mind» bringt die Informationen und Assoziationen so durcheinander, dass aus den Facts eine andere Geschichte entsteht, die zwar ein Spiegelbild dessen ist, was ich gesehen habe, aber ein verzerrtes, neu fragmentiertes, das sich mit Resonanzen meiner inneren Raeume vermischt hat und in meine innere, eigene Vorstellung der Welt passt: ein verwelltes (vielleicht auch sofort verwelkendes) Bild: meine eingefaerbten Schatten, die ueber die Waende der Hoehlen meiner Sinne huschen.

Das, was wir heute als Kunst bezeichnen, referiert auf einen Komplex von medialen Aktivitaeten, die den Rezipienten in einen Sinnzusammenhaeng hineinstellt, aber keine so ganz praezise Gedankenuebertragung erwirkt, wie dies durch verbale Sprache versucht wird. Die Praezision verbaler Sprache liegt aber eher in der Art und Weise, wie codiert wird, als in der Art und Weise, wie verstanden wird. Kunst als Medium (wenn ich so sagen darf) waere gegenueber der Sprache grob gesehen schwaecher, oder: weniger exakt codiert. Damit waere sie auch weniger geneigt, Wahrheit zu definieren und zu vermitteln. — Wohl koennte ihre Strahlkraft in den Dienst einer Ideologie gestellt werden, aber die Ideologie wuerde weniger durch sie definiert als durch ein sprachliches Konstrukt von Saetzen und Algorithmen. Zwar verwischen auch da die Konturen. Aber alle Grenzziehungen erweisen sich als nur voruebergehend.

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shaking out

«Kunst ist Geschmackssache» steht auf dem Plakat fuer eine Hundefutterwerbung, die ich waehrend dem Besuch der documenta in der Kasseler Innenstadt antreffe. Auf einem zweiten, groesseren Format derselben Kampagne lacht mir der gleiche Arteficial-Dog entgegen: «dogumenta» steht da drueber. — Ich freue mich ueber diese ungehemmt-ehrlich-«affige» Anbiederung im Spannungsfeld zwischen Kunst und Propaganda. Zweitens erfreut mich die suggestive Fragestellung, wie das huendische Kunstinteresse ungefaehr geartet sein koennte. — Erik Satie formulierte mal einen vage Idee einer Konzertinszenierung fuer Hunde, — was er bereits wisse, sagt er: «der Vorhang hebe sich ueber einem grossen Knochen». Sure! — die Aufmerksamkeit der in den Raengen versammelten Tiere ist ihm gewiss!

Kunst kann nicht verstanden werden im gleichen Sinne, wie eine codierte Nachricht verstanden, entschluesselt oder auch nicht verstanden werden kann! Kunst kann weder verstanden noch nicht verstanden werden, eher wirkt sie unterschwellig, umschifft teilweise das kognitive System, und wirkt direkt in die Reflexe und in die Gefuehle hinein. Insgesamt wirkt sie ueber verschiedene koerperliche Vorgaenge in die geistige Dimension der sehenden Wesen. — Sogar kann sie das auch bei denen, die gar nicht wissen, dass sie gerade Kunst wahrnehmen. — Ich muss nicht unbedingt Mensch sein, um auf kuenstlerische Zeichen zu reagieren. Warum wirkt Musik so stark? — Weil der Koerper sie direkt versteht! — Truisms!

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an den Moment vor gegen dreissig Jahren, wo unsere Hündin bellend und in grossen Sätzen auf zwei runde Steine zurannte, die ich im Garten meines Elternhauses zuvor in Balance aufeinandergestellt habe. — Sie hielt sie fuer ein Wesen., fuer ein Tier, vielleicht ein grosser Vogel. — Stattdessen entpuppte diese Konstruktion sich als Irritation. Und ich vermute, dass sie auch tatsaechlich den Schabernak sehr genau begriffen hat, den ich mit ihr trieb. Das fingierte Steintier nahm dem Angriff des Hundes stoisch / seelenruhig hin. Das kann nicht wahr sein! Die Hümdin revidierte ihre Einschätzung, dass dieses Ding doch eher der unbelebten Natur zuzuordnen ist, als der belebten. Der Tiergeist, den der Hund zu sehen vermeinte, stand also nicht selber in seiner symmetrischen Vertikalitaet da, sondern posierte (in meiner Person) als lachender Kreator des ausstrahlungsvollen, weil irritierenden Werkes neben der Installation. Und sie freute sich tanzend mit mir. Sie tanzte wirklich! So, wie eben ein junger Hund in so einer Situaation um den Sohn ihres Herrchens „tanzen“ kann!

Shaking out Irritation!

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welcher geist?

In der documenta 14 wird zum Einen dem Animismus nachgespuert, der Kunstobjekten die Aura, den Geist, ihren spezifischen Ausdruck verleiht. Ob das Geistige der Kunst immer durch eine Art Animismus in die Materie dringt, aus der die Werke gearbeitet sind, oder ob wir nur in den schamanischen Kunstpraktiken der Indigenen (um zwei weitere abgruendige Begriffsklischees zu bemuehen) von Animismus reden koennen oder sollen, ist vorerst egal.

Kunstobjekte als natuerlich-kuenstlicherweise immer in einem Grade fetischisierte Gegenstaende zu taxieren, koennte aber nicht ganz unzutreffend sein. — Sie sind mehr als Materie. Als Bedeutungstraeger sind sie Medien, — sie werden von einem Geist gepraegt, der sich beispielsweise bei einem geschnitzten Holzstueck durch die Ausformung der Oberflaeche mit dem Material verbunden hat. Der formende Geist war vielleicht Medium eines anderen Geistes, als er oder sie in Gestalt eines Menschen dieses Holz beschnitzte.
Das Geistige wohnt sowohl der Bedeutung des Objekts wie auch seiner Form inne. — Der Gegenstand spricht! — Und die «Inhalte», die Sprache, der Witz, die zeichenhafte Ueberraschung, die durch einen Gegenstand transportiert wird, muss die ersten, die das erlebten ziemlich erstaunt haben: Dass ein Stueck Holz eine Geste transportiert, dass eine Wolke wie ein Loewe aussieht! . . . — Die Aura des Medialen kann immer unter einem spirtuell-animistischen Aspekt betrachtet werden. Das Irrationale des Immateriellen liegt in der Natur des von Groys als «authentisch Medialen» bezeichneten: des Menschen als Inteface zwischen geistiger und materieller Welt. Auch die vernuenftigste und rationalste Medientheorie kann die Referenzen, die bei jeder Kommunikation aus der / und in die Immaterielle und Inexistente Welt hineinreichen, nicht erklaeren.

Zum einen steht da also dieser Komplex des Animistischen — und zum Anderen wird an der Ausstellung Kunst (eben auch durch das Animistische) ganz gezielt als Medium eingesetzt, welches kulturelle Zusammenhaenge beleuchtet, reflektiert, kritisiert. — Das Medium Kunst spielt in dieser documenta in voller Wucht seine (Welt-)politische Rolle aus, ganz wie Bazon Brock das postuliert.
Der Kampf um Wahrung und Wiederherstellung von menschlicher Wuerde rueckt ins Zentrum des politischen Interesses, das durch das Grosskunstwerk dieser documenta performativ zwischen Athen und Kassel postuliert wird.

Der vehement moralische Anspruch, Kunst als das Medium zu praesentieren, das am besten geeignet ist, die Potenz menschlich-individueller Autonomie zu manifestieren, vertraegt sich schlecht mit den Mechanismen des Marktes, der natuerlich auch in diesem offenen und unideologischen «System» laengst seine Fuerstentuemer und Hochaltaere installiert hat. Die Hierarchismen der internationalen Rankings zur Bewertung von Kuenstlern wird in dieser documenta ausgesperrt. Durch ihr Medium «Adam Szymczyk» kommt eine andere Szene zum Zug!

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lernen von athen

Die Tempelfront (Tympanon), koennte — gemessen an der kuenstlichen Welt von Werbung und Branding, in der ich zu leben genau so gewohnt wie genoetigt bin — als eines der erfolgreichsten und weitverbreitesten «Logos» der letzten 2000 Jahre angesehen werden. Kaum einem westlichen Siedlungszentrum fehlt ein symbolisches Bauwerk, ein Polizeigebaeude, ein Bahnhof, Stadthaus, Bankgebaeude oder ein Kunstmuseum, an dem mit einer nachgebauten Tempelfront ein kollektives Glaubensbekenntnis ablegt wird, das sich vor den kulturellen Errungenschaften unserer Antike verneigt.

Der Tympanon zeigt den Sinn fuer Schoenheit und Harmonie, die die Ueberlegenheit und Macht dieser Kultur repraesentiert. Unter Kultur verstehe ich erstens prozesshaft und allgemein die Art und Weise, wie Menschen oder Menschengruppen miteinander umgehen, und zweitens den ganzen Komplex von Regel-, Werte- und Abgrenzungsdispositiven, mit dem sich eine grosse, zu einem uebergeordneten Corpus zusammenwachsende Gemeinschaft organisiert.

Dass Griechenland in den dominanten Narrativen als die Wiege «unserer Kultur» angeschaut wird, mag verschiedene Gruende haben. Eine Ironie des Schicksals ist, dass sich aktuell in Athen die spirituelle Krise Europas, und als deren staerkster Ausdruck: die oekonomische Krise (vielleicht) «am staerksten» zeigt. Dass diese alte Hauptstadt der Kultur unter gewissen Gesichtspunkten abstuerzt, aber dass sie unter der Praemisse der oekonomischen Krise eine viel staerkere neue Vitalitaet entwickelt, ist Thema der Auseinandersetzung. — Der Buergermeister von Athen sagt in einer Videodokumentation ueber die Ausstellung: «Ja, wir brauchen die documenta, und es ist genau der richtige Moment. Es ist wichtig, und es ist notwendig, dass die Welt mitbekommt, dass wir nicht nur eine Gesellschaft sind, die in der Krise und in der Verzweiflung versunken ist. Dass nicht alles negativ ist, sondern dass auch positive Dinge passieren. Dass in diesem Moment der Krise auch neue Formen der Solidaritaet entstehen, und sich neue Moeglichkeiten auftun.» >>3

«Lernen von Athen» ist als Motto dieser Grosskundgebung praedestiniert, lange ueber die Ausstellungszeit hinauszuwirken. Szymczyk untermauerte diese politische Setzung, indem er in Kassel und Athen die bekannten und grossen, erfolgreichen Namen des Kunsthimmels nicht zeigt. Zum Aerger verschiedener Exponenten der Kunstszenen. — Philipp Meier bezeichnet den Chefkurator in der NZZ mit einem etwas hoehnischem Unterton als «den Gott, der ueber allem schwebt», als den «Demiurgen, den Schoepfergott, der der Entscheidende und damit das Entscheidende ist» — nicht die Kunst stehe im Zentrum des kuratorischen Interesses, sondern die Botschaft, die Szymczyk als Superkuenstler der ganzen Schau aufdruecke. Diese wird mit den Schlagworten Antikapitalismus, und Postkolonialer Diskurs bezeichnet. OK — ueber Kunst darf frei gestritten werden, und dass die Bedeutung der Zeichensetzungen, die hier gelingen, nicht ueberall gleich verstanden werden, darf niemandem uebel genommen werden. — Jeder behaelt seine uneingeschraenkte Hoheit ueber die eigene Interpretation des Bildes das er angetroffen hat.

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krieg, all over the world!

Im Fruehgymnasiums, das meine Tochter seit einem Jahr besucht, beginnt der Geschichtsunterricht mit den punischen Kriegen. Ich bin ueberzeugt: am besten beginnen wir beim Krieg, wenn wir verstehen wollen, wie unsere Humanity so weit kommen konnte, wie sie gekommen ist. Also das ist schon klar!

Von und an Athen lernen zu koennen, bedeutet Schauen, Sehen, Zeigen: Die Art und Weise, wie Wirtschaftspolitik, Migrationspolitik, Kulturpolitik mit Realitaet in Beziehung gesetzt werden; — wie sich Widersprueche zeigen, wie sich auch die Wichtigkeit kultureller Paradigmen zeigt, wenn sie ihre Glaubwuerdigkeit verlieren: Ich vergesse meinen Hunger im Studieren meiner Ruinen!

Denken findet in Spannungsfeldern statt. Die kulissenhafte Reinszenierung des Parthenons in Originalgroesse auf dem Kasseler Friedrichsplatz verbildlicht die vielbeschworenen kulturellen Bezuege zur griechischen Antike als Ursprung unserer Kultur. Die Tempelkulisse ist mit in Plastik eingeschweissten Buechern verkleidet, die allesamt durch Zensurbehoerden behelligt wurden. Sie ist nicht nur das Remake des Parthenon auf der Athener Akropolis sondern auch das Remake ihrer selbst. Die Installation wurde von Marta MinujÍn 1983 nach dem Ende der «national-katholischen» Diktatur in Buenos Aires aufgebaut (Bild), — als Teil ihrer Werkreihe «La caida de los mitos universales» (der Fall der universalen Mythen) und als Mahnmal fuer Bildung und Austausch, entgegen Denk- und Redeverbot.

Mit diesem begehbaren Bild wird ein Raum aufgestossen, der anregt, 2500 Jahre Zivilisationsentwicklung zu betrachten. — Noch viel staerker als in der Kasseler Replik, muss der originale Parthenon der Buecher in Argentinien zu einem auratischen Ort geworden sein, an dem fuer eine bessere Zukunft Argentiniens gehofft, gebetet oder vielleicht getanzt werden konnte.
Zusammen mit dem Tympanon des Fridericianums, welches hier seit 1779 die kulturelle Hoheit des Hessischen Kurfuerstentums inszeniert, und den umgrenzenden Bauten, erzeugt der Kasseler Parthenon der Buecher eine, sich gleich wieder verfluechtigende Akropolis, — eine gehauchte Machtdarstellung kritischen Denkens und Handelns, — als Bollwerk lebensbejahender Kraefte im Wertekampf einer allzu kriegerischen Zivilisation — und dies von einem Ort aus, der es schon beinahe mit der topografischen Qualitaet griechischer Tempelstaetten aufnehmen koennte.

Diese ganzen Horizonte so zu eroeffnen, betrachte ich als den plakativsten Geniestreich, der dem Kuratorium der documenta 14 gelungen ist.

20170621_2149_CodeNoir >Code Noir

7
querulanten, sonderlinge,
kuenstler, terroristen

Kuenstlerische Aktionen als Teile politischer Widerstandsbewegungen?
Soziale Plastik als Raum vertiefender Friedensarbeit?
Freiheit der Kunst als Medium der Selbstermaechtigung?

Eine Gemeinschaft freier Wesen wird nicht darauf verzichten, starke Symbole ihrer Diskurse auszusenden, denn die Befreiung der Nachbarn kann ein Notanker sein fuer die Versicherung der eigenen Freiheit. Doch jedes Kind das seine Rolle auch schon als schwarzes Schaf gesehen hat, weiss: Fuer den Preis, dass die einen ihre Freiheit gewinnen, muessen die anderen ihre Sklaven hergeben.

Hm. — What is happening now? — Welcher Geist wird sich denn jetzt manifestieren? —

Mit einer gewissen Ironie vergleicht Boris Groys in seinem Monolog «Im Namen des Mediums» Kuenstler — z.B. Malewitsch, Mondrian und Kandinsky mit Vertretern des radikalen Islams. — Zwischen ihnen gebe es durchaus eine gewisse Verwandtschaft im Bezug darauf, dass sie sich als Medien betrachten. — «Hoehere Wesen befahlen, linke obere Ecke schwarz zu malen~» (ein Werktitel von Sigmar Polke), ein ironisierender Verweis auf das Mediumistische in der Kunst. — Sie sehen sich als die Kuenstler — als Medien, die einem gewissen Geist, der sonst in der Latenz schweben muesste, hier und dort zu Ausdruck verhelfen. Gemaess Groys freuten sich die Exponenten dieser kuenstlerischen Avantgarde nicht darueber, dass durch die freudsche Lehre der Psychoanalyse das geistig-Mediale in den Bereich des Unterbewusstseins abgedraengt wurde und damit von einer offenen Sphaere ins Innere des menschlichen Koerpers verbannt wurde. — Von dort aus, kann die Irrationalitaet der freien Weltinterpretation wiederum pathologisiert und medikamentoes ruhiggestellt werden — im Interesse von? — . . . der Mechanisierung der Gesellschaft?

Sie sahen sich eher als Medien von etwas grossem weltumspannendem, in dem auch die irrationalen Gestalten der Geister und Goetter, des Schicksals und der Vorsehung gedacht werden konnten.

Mit ganz anderen «kuenstlerischen Strategien» (wenn man so sagen darf), die aber genau so mediumistisch motiviert sind, fordern uns die Islamisten in ihrer Wirkung noch viel staerker als alle Schamanen und Kuenstler, dass wir mit dem Irrationalen umzugehen lernen. Beinahe haette es unsere «aufgeklaerte» Zivilisation geschafft, die Irrationalitaet und damit die Widersprueche, die in Weltbeschreibungssystemen offensichtlich natuerlicherweise entstehen, tendenziell auszurotten. Monotheismus ist immernoch das Leitbild jeder Monokultur! — Noch in den siebziger Jahren glaubten viele, dass der technische Fortschritt den Hang der Menschen zum Religioesen obsolet machen wuerde, dass sich Wissenschaftlichkeit und Aufklaerung kontinuierlich weiterverbreiten wuerden, und dass sich die Menschen moeglicherweise, entgegen allen Belegen, doch noch zu Vernuftwesen weiterentwickeln koennten. «Nie wieder Krieg!» waere genauso ein naiv anmutender romantischer Traum, aber ebenso ein visionaeres Programm, das sich seines utopischen Gehalts bewusst sein kann. — Oder «Wer Visionen hat, soll zum Doktor gehen!» (vielleicht das meistzitierte Zitat von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt).

Mit dem islamistischen Terrorismus erreicht uns die naechste Lektion darueber, dass sich das Andere, Boese, Unerwuenschte, — der Tod, oder sogar — hoechtse Horrorvision: das Unbeschreiblich-Unbegreifliche i.A. — kaum mit einigen Dekreten und klaren Regeln aus der Welt schaffen lassen.

Das alte Narrativ ueber Hier das Gute — dort das Boese schraubt sich in die naechste Runde allzumenschlicher Grobschlaechtigkeit — egal ob ueber «serioese Medien» oder ueber «Fake-News» (die selbstverstaendlich eher seit Vater Abraham als erst seit Donald Trump ihr Unwesen treiben) — das Problem ware hier: Glaube! — Die stumpfe Herde baut sich durch die plumpe Haerte. Wer selber denkt, wird ausgegrenzt. — Kuenstler loben den Herrn? — In der kurz gedachten Diktatur der totalen Harmonie steht die Kunst als Erkenntnismittel immer unter Generalverdacht. Die einizg andere Rolle, die ihr dort zugedacht werden koennte, waere Propaganda.

Aus der Sicht Adam Szymczyks wuerde das, was die einen vielleicht als Querulantentum bezeichnen wuerden, genau das politisch-Mediale ausmachen, das der Kunst innewohnt. Zu den Sami-Kuenstlern, die er an der documenta 14 zeigt, sagt er: «Gerade die indigenen Kuenstler, die haeufig unter schwierigsten Umstaenden arbeiten, koennen uns zeigen, wie man sich dem dominanten Gehabe des Kolonialismus widersetzt. Das ist der Grund warum wir bei dieser Ausstellung insbesondere mit diesen Kuenstlern arbeiten. Um einmal wenigstens ein bisschen von unserer elitaeren Hochsitzposition herunterzukommen.»

Maret Anesara, eine der Sami-Kuenstler: «Um ehrlich zu sein, finde ich, dass Kunst die wirkungsvollste und komplexeste Art von Kommunikation ist. Man muss den Leuten nicht zuerst erzaehlen, was richtig und was falsch ist. Man erzaehlt etwas
auf emotionaler Ebene, und man kann nun nicht bezweifeln, was aus dem Innersten kommt.» >>4

In der Art, ein Bild oder ein Kunstwerk zu lesen behaelt jeder sein Recht fuer sich. Die Wirkung geht von Person zu Person: Austausch von Fragen — Reflexion und Nachfuehlung im Inneren.

8
work of pain

Der Rabbiner und Kurator Edward van Voolen, 1948 in Utrecht geboren, war Kind von Ueberlebenden einer durch das Dritte Reich arg dezimierten Familie. Er fuehrte unsere Besuchergruppe in der Neuen Galerie unter anderem an die Arbeit von Marie Eichhorn heran, und gab seiner Empfindung Ausdruck, dass hier fuer einmal sehr ernsthaft Geschichte aufgearbeitet werde. Seine Fuehrung begann bei den allegorischen Marmorskulpturen aus dem 19.Jh, die permanent in Neuen Galerie stehen: «Die Kulturnationen Europas». Deutschland, Frankreich, England, Niederlande, Rom, Spanien, Griechenland. Die weiblichen Figuren praesentieren sich selber, — jede fuer sich luxusverwoehnt und ausgestattet mit je einem Attribut nationaler Repraesentanz.

Unmittelbar neben dieser Kaskade wurden Bronzefiguren aus Benin installiert. Sie sind einige der vielen Trophaen, die von einem Rachefeldzug der Englischen Kolonialmacht herstammen und in verschiedene Europaeische Museen verkauft wurden. Sie sind stummme Zeugen der hier beschriebenen Aktion:

On February 17, 1897, Benin City fell to the British. On that fateful day in history, the city of Benin lost its independence, its sovereignty, its Oba (king), its beauty, and its control of trade. The city was looted and burnt to the ground. The ivory at the palace was seized. Nearly 3000 of the famous Benin Bronzes and other valuable works of art, including the magnificently carved palace doors, were carried back to Europe. The Oba was exiled to Calabar with his two wives, and subsequently died there. Today, every museum in Europe possesses art treasures from Benin. >6

In ihrer Kontrastsetzung vermitteln diese kuenstlerischen Dokumente eine leise Ahnung oder wenigstens einen Hinweis auf die unglaubliche Brutalitaet und Arroganz der durch die lasziven Marmorskulturen repraesentierten Imperial-, Kriegs- und Luxuskulturen. Fast alles bleibt im Dunkeln, muss im Dunkeln bleiben, nicht nur weil die Ereignisse schwer zu beschreiben sind. Aber es wird in dieser documenta — fuer mich im Besuch der Neuen Galerie, auf fast erbarmungslose Weise deutlich gemacht, wie die westlichen Indutriekulturen auch auf Exzessen kriegerischer Ueberlegenheit aufgebaut sind. Mord, Raub, Unterdrueckung oder Verdraengung als wesentlich kulturtragende und kulturkonstituierende Aktivitaeten unserer Zivilisation anzuerkennen, hiesse, eine im klassischen Sinn moralische Herausforderung anzunehmen. Kunst als Religionsersatz? — Ja vielleicht, wenn «relegere» als etymologische Wurzel im Vordergurnd steht: Wieder lesen / ja: widerlesen, reflektieren als die Grundstrategie fuer die Bewusstwerdungsprozesse kunstrezipierender Humantitaet. Die Kraft des sozialpolitischen Geistes — Wertschaetzung.

Die dritte Arbeit, zu der Edgar Van Voolen uns fuehrt, sind Maria Eichhorns versammelte Buecher, die in den Raubzuegen der Dreissigerjahren durch Nazischergen den juedischen Familien vor deren Deportation abgenommen wurden. «Das Rose Valland Institut ist ein interdisziplinär ausgerichtetes und unabhängiges künstlerisches Projekt. Es erforscht und dokumentiert die Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europas und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart.» heisst es auf der Website von Eichhorns kuenstlerisch-politischem Projekt>5. Ein Raumhohes Gestell, von den Proportionen eines modernen Wolkenkratzers, ist von zwei Seiten her mit den Buechern gefuellt, — im unteren Bereich ist es bestueckt mit einem aufgeschlagenen Katalog, der auf hunderten von Seiten die beschlagnahmten Buecher registriert. — Die Nazis haben ihre Verbrechen mit peinlicher Genauigkeit dokumentiert, — oft mit Hilfe ihrer Opfer die Bestaende erfasst. Es bleibt fuer mich einigermassen mysterioes, welche Motivation hinter diesem Dokumentationswahn stehen moege. — Tacit —

. . . geh besser nicht in die Politik!
Wer Visionen hat,
soll zum Doktor gehen!
Oder in die Kunstausbildung?

Ein Paar Saaele weiter sucht Sergio Zevallos in einerm forensischen Bildertableau nach physiognomischen Konstanten, die fuehrende Exponenten der Finanz-, Wirtschaftsmacht- und Politik­elite von normalen Menschen unterscheidbar machen soll. Die Arbeit heisst «A War Machine» — die Art der Auflistung ausschnitthafter Bilder der Gesichtpartien erinnert direkt an die Listen, mit denen z.B. der Zuercher Johann Caspar Lavater und die spaeteren Eugeniker ihre Klassierungsmodelle mit Empirie unterlegen wollten. Zevallos inszeniert sich selber — mit ironischer Brechung — als Eugeniker, der mit seiner absurden Erbgesundheitslehre herausragende Exponenten der Macht testet: Ist an ihren Mundwinkeln und Nasenformen zu erkennen, was fuer Schurken sie sind? — In der Bildlegende steht: «Die Auswahl kehrt das Konzept des edlen Wilden um, und benennt stattdessen die menschenfressenden Persoenlichkeiten, deren Existenz der Ausloeschung eines weiten Spektrums der Menschlichkeit gewidmet ist.»

Diese verdrehte Reinszenierung und Reflexion naiver «Wissenschaft» versetzt mein kognitives System in staunende Irritation, die zwischen Erschuetterung auf der einen Seite, und Freude auf der anderen changiert — Freude ueber den Erkenntniswert dieses Kunstwerkes. — Wer schwarzen Humor mag, findet hier eine Moeglichkeit, seinen Koerper in schwer durch Nachdenklichkeit gebrochenes Lachen zu versetzen.

Shaking out irritation!

Die Erschuetterung wird schon im naechsten Saal wieder zur Dominanten dieses Rundgangs: Der tiefschwaerzeste Punkt dieser Ausstellung bleibt fuer mich das kleine, zierliche Buch — in wunderbarerer Buchbindermanier, sorgfaeltigst in Leder gebunden: «Code Noir». — Das Dekret Ludwigs XIV regelte von 1685 bis 1848 den Umgang mit schwarzen Sklaven.

In der Bildlegende wird der Code Noir (nach Louis Sala-Molins) als der «der monstroeseste juristische Text der Moderne» bezeichnet. Daneben haengt mit dem Oelgemaelde «die Mohrentaufe» ein Zeugnis deutscher Kulturgeschichte: Der Kasseler Ludwig Willhelm Grimm, Bruder der schreibenden Gebrueder Grimm verweist damit — in diesem Kontext auf die spirituelle und damit auch physische Vergewaltigung, die sich hinter dem kulturell legitimierten Akt der «Moorentaufe» verbirgt.

Ich bewege mich schweigend durch ein finsteres Kabinett dokumentierter Gemeinheiten. Eine vorlaeufige Antwort auf die aufwuehlende Verwirrung, die in den immensen Spannungsfeldern liegt, die sich zwischen den bildnerischen Setzungen oeffnet, findet sich schliesslich auf der Strasse vor der Neuen Galerie. Aus dem Kuehlergrill eines alten Opels ertoent die eindringliche Fluesterstimme: «Ignorance is a virtue».

Der an sich so unauffaellig geparkte Opel ist ein Teil der Kampagne des Amerikanischen Performancekuenstlers Pope L.: «Whispering Campaign» — An verschiedenen Orten sind Fluesterlautsprecher aufgestellt. Ein Faltblatt, das ich anderswo auflese, transportiert einen umfangreicheren Text, und weist auf Broadcast-Programme hin, in denen «In House», on the «Street» (an verschiedenen Orten in Kassel) und ueber «Radio» gefluestert wird.

Ohne weiter in den Inhalt der Arbeit einzusteigen, kann ich Ignoranz tatsaechlich (auch) als einen positiven Wert sehen. Im Ueberfluss an Informationen, muss ich eine geschickte Strategie der (aus Zeitmanagementgruenden unumgaenglichen) Ignoranz entwickeln. — Die zweite Bedeutung liegt darin, dass medienpolitisch selektierte Themen die Diskurse dominieren, andere werden ignoriert; — wer sich nicht an die Vorgaben der kollektiven Ignoranz haelt, wird zum Stoerfaktor. Die Tugend der Ignoranz kann an das in die Jahre gekommene Konzept des Glaubens anknuepfen. — Glauben oder verordnete Ignoranz — die dezenten Medien der Tyrannei. Lernen von Athen hiesse aber vielleicht, vom Ueberlebensinstinkt eines bestimmten sozialen Koerpers (einer Stadt) zu lernen.

9
ignoranz ist eine tugend!

Zwar gruebelt sich mein Gehirn wund, vielleicht kriegte ich Migraeneschuebe, wenn ich mich weiter in das offene Archiv der Spuren hineinarbeiten wuerde. Zumindest an diesem Tag habe ich mich an der medialen Geisterbahn sattgesehen, mit der die documenta 14 meinen wahrnehmenden Geist durch Untiefen der Betroffenheit gefuehrt hat. Die Aufgewuehltheiten sind die Verhandlungsfragen, die sich zwischen Koerper und Geist aufgetan haben. Innere Dialoge kommen ins Rollen. Aber die Muedigkeit des (eigenen) Koerpers zwingt auch den Geist, sich auf andere Themen zu fokussieren. Die beiden bleiben in ihrer physischen Verstrickung zusammen unterwegs. Die Verwundenheit des Koerpers zwischen Geist und der physischen Sphaere findet in der Bewegung oft sehr viel direktere und elegantere «Antworten» auf die nicht allzu abstrakten Fragen des Lebens.

10
der fuehlbare andere

Spaeter erlebe ich meine Handflaechen als Kommunikationsinterface der Koerper. Es gab Streit. Mein manchmal ununterbrochenes Geplapper ist meiner Freundin auf die Nerven gegangen. Ihre Rebellion dagegen — egal welche Referentialitaen die Worte im Detail transportierten — und unser Streit nahmen einen Lauf, dessen vegetative Dramaturgie der Koerper ich erst im Nachhinein zu entziffern vermag. Mein in der Neocortex verschanztes Bewusstsein hinkt dem Bauchhirn wie ein Blinder an der Leine hinterher. Logisch: nicht nur die rechte und die linke Gehirnhaelfte koennen als zwei ziemlich autonome Prozessoren angesehen werden — auch das Gehirn als Erkenntnisorgan sieht sich den prospektiven Faehigkeiten des Gedaerms gegenuebergestellt: der eine schaut voraus, der andere tief hinein, — weniger visuell, eher chemisch-humoral. Ich erkenne den Wurm in mir, als eigenes Wesen — ein direkter Nachfahr meiner Ur-ur-urahnen, die noch ohne Lunge und ohne Herz auskamen, — ein paar Geschmackszellen beim Maul mussten der Keim der Extensions gewesen sein, die unsere heutigen Koerper als Steuersysteme dominieren.

Manchmal komme ich mit diesem alten Wurm in stummem Dialog. — Weil unsere gemeinsame Kraft mit der Alterung bruechig wurde — innere Reibungen, Disharmonien manifestieren sich als Beschwerden. Er spricht nicht so differenziert, wie die NeoCortex. Diese ist hier auch vordergruendiges Medium-Interface meines Koerpers zu diesem Text, — praktisch seine Mediensprecherin. Und sie beansprucht auch hier gerne mal die Ich-Form fuer sich in Abgrenzung zum Wurm. Nicht so klar, wer redet, wenn ich Ich sage. Wir sind uneins. Der innere Schlauch weckt mich zu Unzeiten in der Nacht, meldet Schmerzen, oder signalisiert Nervositaet im Innersten meines Systems. Die «Zwiesprache» mit diesem Wesen als das Andere in mir, als einem eigenen Geist, hilft mir immerhin, wenn auch nur wenige Schritte aus der Differenz in die Konizidenz. Streit als Werkzeug zur Wiederhesretllung von Harmonie? — Frieden, mit dem Chef!

Manchmal funktioniert’s — nach Tagen der Distanz halte ich die Fuesse meiner Liebsten in den Haenden. Die Temperatur, die wenigen bewussten Bewegungen und die Vibrationen der Koerpers schwingen sich aufeinander ein und zeigen sich als «sprachgewandt». Emotionale Einverstaendigung entwickelt sich. Die Koerper finden in dieser Resonanz die Entdifferenzierung. Sicher kann ich behaupten, dass alle weltpolitischen Probleme in den Koerpern der Menschen selber liegen. Banalerweise.

10
entdifferenzierung

Die Spannungsfelder der Differenzierungen, die aufgebaut werden muessen, um beurteilendes Wissen zu behaupten, werden gebaut auf dem Fundament der Ignoranz. Das Fassen eines Begriffs setzt das Ziehen harter Grenzen voraus. Mit dem Verwenden der Begriffe ignoriere ich die Feinheiten der Topografie, die durch die Grenzziehungen zerschnitten wird. Ignoranz ist die Tugend, die einen Menschen zu einem Lesegeraet machen kann. Die Grenzziehungen des Denkens moegen uns die Moeglichkeit geben, praezise zu reden, aber die Bedeutungen in der Resonanz der Koerper sind lange nicht so klar wie die Grammatik der Texte.

Die Zeichen denken mich. — Bin ich Medium, Traeger, gar Vollstrecker alter Wahrheiten oder eines hypnotischen Plans? — Oder sind Bilder, Sprache, Zeichen die Werkzeuge, mit denen ich mich gegenueber dem Anderen entdifferenzieren kann? Die Schwarmpartikel entdifferenzieren sich, die Geister bemaechtigen sich unserer Koerper.

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jibberish talk

Dies ist ein Text und somit nichts als virtuelle Realitaet. Ich wuensche mir, dass das Spiegelspiel dieser Reflexionen vielleicht Lust bereitet. Aber noch schoener waere, wenn die Differenzierungen sich in den Widerspruechen, die sich froehlich oder auch niedergeschlagen durch die moeglichen Bedeutungsebenen hindurchtanzen, selber aufloesen wuerden. — Dass das Gerede insgesamt zum Ornament wird. Dass der Klang und Gesang der Stimme zur tragenden Spur im Diskurs der zur Redundanz neigenden Authentizitaet wird —
Tanz im permanenten «Parlament der Koerper».>7

Anmerkungen:
1 — Bazon Brock: http://www.mediathek-hessen.de/medienview_15546_Hans-R.-Portner-OK-Kassel-Portners-Presseshow–Ausblick-auf-die-documenta-14.html
2 — Boris Groys, «Im Namen des Mediums», Koeln 2004
3 — Von Athen lernen — Die documenta 14 | DW Deutsch https://www.youtube.com/watch?v=AthUutFKyMg
4 — ZDF-Dokumentation ueber die Sami-Kuenstler an der documenta 14 https://www.zdf.de/kultur/kulturzeit/sami-kunst-auf-der-documenta-14-100.html#autoplay=true
5 — Maria Eichhorn: http://www.rosevallandinstitut.org/
6 — Benin Quelle: https://afrolegends.com/2012/08/16/benin-city-the-majestic-city-the-british-burnt-to-the-ground/)
7 — http://www.documenta14.de/de/public-programs/927/das-parlament-der-koerper

GM #1 — Luhan Mc Anical Bride

LuhanMcAnicalBride
Sorry mit dieser Sendung wird vorsaetzlich und beabsichtigt Verwirrung gestiftet . . .

GeisterUndMedien 1 als MP3 hoeren

RadioDifficulture 16. Juli 2017, 21.45 SO21, RadioLoRa 97.5 MHz : I read that I heart you laughing
Ja ja, ich hab davon gelesen! — Hier wird mit dem Phrasendrescher durch Marshall Mc Luhans virtual-Space der „mechanischen Braut“ gesurft. Die Textbruchstuecke werden mit der Kuechenknetmaschine zu Brei verknetet. Die Urheber der Zutaten sind Bob Dylan, REM, Carlotta/Leandra TMS und Marshall Mc Luhan. Zwischendurch sind sogar noch ganze Woerter oder Fragmente von Saetzen zu erkennen. Die Zufaelle, die passieren, sind eigentlich die Geister, die ich rief — ein Experimet darueber, wie durch Lesen Bedeutung entsteht. Das Lesen macht vermutlich immer den groessten Anteil des Schreibens aus. Hier war das Lesen auch das „Sichten“ von Audiomaterial und das Schreiben auch das Zusammenschneiden und das magnetische Sichern in die digitalen Codes der Audiodaten. — Aber davon haben wir noch nicht gegessen!

In der zweiten Haelfte redet Anton Vidokle, Gruender der Kunst-Webplattform E-Flux darueber, dass Kunst nicht unbedingt durch Arbeit entstehen muss — ganuso, wie mer auch keine „Arbeit“ leisten muss, um sich z.B. zu verlieben. Wir stecken also nochmal in einer medialen Selbstreflexion des Redens ueber eine andere Art des Redens. — Keine Rettung in Sicht aus den abgruendigen Wirbeln der Medienreflexion. Wir kommen erst aus dem Spiegelkabinett der Reflexion der Selbstreflexion, wenn wir in den Garten gehen und unser Gemuese selber anpflanzen (das waere: „Work“) — Im Gegensatz dazu „Action“ (nach Hannah Arendt) umfasst alle Aktivitaet, die Informationen uebertraegt oder moduliert . . . Ja, und Medien sind wir selbst natuerlich auch: Informationsspeicher_innen, Informationsvermittler_innen, Datentraeger_innen
Art Without Work — Anton Vidokle
E.Flux

Die Gechichte wuerde ja eigentlich erst kompliziert, wenn mer Kommunikationsabsichten verfolgen wuerde — wenn naemlich „etwas bewirkt“ oder „etwas gesagt“, eine Erkenntnis ueber eine „Wahrheit“ vermittelt werden sollte. — Nein, das ist ganz und gar nicht der Fall! — Hier geht es hoechsten darum, mit einer widerspenstigen Geschichte einen beschaulichen Sonntagabend ein bisschen irritierend zu verzieren, — zum geistigen Flanieren einzuladen, auf eine Geisterbahn zu gehen oder noch eine weitere Inspirationmaschine zu starten (so als ob wir nicht schon genug davon haetten).

In der Sonntagszeitung vom 16.7.2017 sagt „Breaking Bad“-Star Bryan Cranston es sei schoen, ueber Kunst zu streiten, weil in den Streiterein ueber Kunst immer beide Seiten Recht haetten. Also lasst uns doch froehlich streiten! — Und so ist das hier halt auch bloss ein verschwommenes Rauchzeichen einer Gegenwart zur anderen — der Nachfrage beduerftig, sofern etwas verstanden werden gewollt wuerde. — Ungenau! Ein bisschen beliebig und vielleicht auch unfertig. Und vielleicht sogar unnoetig. — Kartoffeln haben wir damit noch keine auf dem Tisch.

Wer jetzt trotzdem noch hoeren will . . .

MM4 — Stimmen hoeren

ReiseDerSeele4
Mit welchem von diesen Bergfuehrern moechtest Du am liebsten zu einer Mondexpedition aufbrechen? — Den einen kann ich fuer diesen Job leider gar nicht empfehlen und die 6 anderen sind schon seit laengerer Zeit tot.

RadioDifficulture 29. Januar 2017, 21.45 SO21, RadioLoRa 97.5 MHz : Die Reise der Seele
Die vierte Folge aus der Lebensgeschichte von Marie Métrailler
ReiseDerSeele4 als MP3 hoeren

In meiner Sendung steht nach einem kleinen und sehr provisorischen Exkurs zum Hoeren von Stimmen wieder die Stimme von Marie Metrailler im Zentrum. Sie wird vorgetragen durch meine Stimme, aus dem Interviewbuch von Marie Madeleine Brumagne vorlesend.


STIMMEN HOEREN . . .
Es gibt verschiedene Moeglichkeiten, dass Stimmen hoerbar werden: die erste ist, dass da tatsaechlich eine Stimme spricht. Ich hoere die Stimme eines Menschen, der seine Stimmbaender zum Klingen bringt — ich nenne dies hier zuerst Gesang, — weil die Stimme bevor sie anfaengt Sprache zu tragen, egal ob monoton oder melodioes — einfach nur GESANG ist.
Der Mensch, dessen Stimme ich hoere, weitet nicht nur die Resonanz seines Koerpers aus, sondern er legt ueber codierte, also abgemachte Modulationen der Stimme Bedeutungen in seinen Gesang. Es kann sein, dass ich die Sprache, die der da spricht verstehe, dann hoere ich nicht nur die Stimme, sondern nehme auch die Bedeutungen wahr, dass heisst ich nehme erst die Sprache wahr. Dass es je Menschen gab, die noch gar keine Sprache kannten, koennen wir uns schwer vorstellen — wohl waren wir damals noch nicht Menschen im heutigen Sinn. — Vielleicht eben noch Tiere, die kurz davor standen, Menschen zu werden.

In einer relativ neuen Variante entstuende nun die Stimme und ihre Bedeutungsebene nicht in meiner Gegenwart, sondern sie waere in einem akustisch-technischen Speichermedium konserviert. — Zum Beispiel hoere ich Aleister Crowley, wie er 1920 in einem Raum spricht, in dem ich selber nie war. Ueber eine Aufnahme, die damals gemacht wurde, verbinde ich mein Ohr mit diesem Raum. Der magnetische Draht oder ein Tonband sind die Zeitmaschine, die mich jetzt in diesen Raum katapultiert. — Oder: Meine vorproduzierte Sendung dringt ueber die radiotechnischen Medien: vom Moment in dem ich das aufnehme zum Abspielgeraet, Kabeltransmission, Uetliberg-Sendeturm — durch den magischen Aether — zum Radioempfaenger bis in Deine Ohren, liebe Hoererin, lieber Hoerer. — Eine zweite Moeglichkeit, die ich beschreiben will, kommt aus dem Rauschen. So aehnlich, wie ich im Schwarzen Quadrat Malewitschs alle moeglichen Bilder und Texte enthalten sehen kann, waeren moeglicherweise in diesem Rauschen alle moeglichen Stimmen und Erzaehlungen enthalten. Das Regenprasseln auf das Blechdach der Zapporthuette hat eine Klangstruktur, die der einer duercheinander sprechenden Menge von Menschen sehr aenhlich ist.

Meine Wahrnehmungsorgane, sind nun faehig, Dinge fuer Wahr zu nehmen und andere auszublenden. Also so einfach gesehen nimmt meine Wahrnehmung aus all den Moeglichkeiten eine heraus, hoert sie, und den Rest des Rauschens legt sie zu den unwahren Dingen, — auf den Muellhaufen der Unterscheidung zwischen Wahrheit und Moeglichkeit. Wenn mein Gehirn vielleicht durch Sehnsuechte oder Aengste — die die Urspruenge meiner Phantasie sind — dazu neigt, gewisse Dinge hoeren zu wollen, dann bietet ihm das Rauschen der Regentropfen auch die Moeglichkeit, sie tatsaechlich zu hoeren.

Eine dritte Moeglichkeit ist der Traum, oder die Halluzination. Halluzinationen — man kann sie auch Traeume im Wachzustand nennen — waeren Projektionen aus der Phantasie, praktisch Filme und Audiospuren, die aus unserem Inneren her auf die Sinnensorgane wirken und durch unsere Wahrnehmung als Wahr angenommen werden. Wir koennne sie nicht von der Wirklichkeit, die auch fuer andere sichtbar ist, unterschieden. — Vielleicht wird es irgendwann gelingen, Traeume visuell von der Netzhaut der Augen oder aus dem Nervensystem abzufilmen, wenn z.B. die lichtempfindlichen Rezeptoren denn auch dabei tatsaechlich ein kleines bisschen leuchten wuerden. — Oder wir lernen, die Schwingungen und Stimmen die wir im Traum hoehren, als akustische Signale vom von Inneren her in Schwingung gebrachten Trommelfell abzutasten.

Diese Moeglichkeit waere also eine Resonanz aus dem Koerperinneren. Ob dazu schliesslich auch aussere geistige Entitaeten einen Beitrag leisten, kann nur Gegenstand von Spekulationen sein. Die Geister sind genuin immateriell. Sie koennen also auch durch kein Messgeraet nachgewiesen werden. Am ehesten noch von allen Messgeraeten, wuerde sich der menschliche oder auch tierische Koerper selbst dazu eignen, Schwingungen aus einer immateriellen Welt wahrzunehmen. Da aber die menschlichen Koerper als Messgeraete nicht durch die Wissenschaften anerkannt sind, bleiben diese Untersuchungen immer unwissenschaftlich. — Es sei denn wir wuerden das Erleben dem Erkennen gleichstellen

Die Stimmen, die in der Sendung zu hoeren sind, sind allesamt erzeugt durch lebende Organismen. Infolge der elektromagnetische Uebertragung durch den Radioaether muessten sie aber vielleicht doch eher der Gruppe der Illusionen oder Halluzinationen zugeordnet werden. Durch die digitalen Codes meiner Sendedaten sprechen diesmal: Aleister Crowley, die bloekenden Schafe der Alp Zapport, Hinterrhein, der Musiker Jonas (Galopp — learning on a honey cube — Siehe: Sondcloud — Galopp), und Bob Weir (Graetful Dead)

BERICHT AUS EVOLENE:
Metrailler erzaehlt von der starken Resonanz des Genius Loci des Val d’Hérens, der u.a. moeglicherweise auch von den mannigfaltigen Metallerzvorkommen des Untervallis herruehrt. Und sie beschreibt ein Leben an einer Zeitschwelle zwischen jahrhundertealten oekonomischen Strukturen und der Modernisierung des 20. Jahhunderts: zur Debatte stehen Selbstversorgung, laendliche Kooperation, Spiritualitaet/Medien und Religion. — Im Buch, das ich mir als roten Faden durch eine Reihe meiner RadioDifficulture-Sendungen vorgeknuepft habe, steht immer auch die Lebendigkeit der Beziehung zu den Sphaeren des Geistes im Mittelpunkt.

Des Geistes — oder der Geister?

Peter Haertling im SRF Tagesgespraech

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Link zur Sendung 30 Minuten, 1.2.2017>

Fluchtgeschichten. Schockkaelte gegenueber Menschen, die nichts mehr haben. Bindung und Schutz, Gewalt und Trauma. Hoelderlin, Camus, Cordoba und Granada, — die muslimische Harmonie im gemeinsamen Streben nach Schoenheit . . .
––
Meine Schwester wuerde es anders erzaehlen.

Wohltuend, Susanne Brunner und diesem wunderbaren alten Mann zuzuhoeren, der sagt, „ich moechte, dass die Kinder darueber nachdenken, was ihre Eltern anstellen. Vielleicht denken sie ueber diese Generation nach, die sie ersetzen muessen — es koennte sein, — ich wuenschte es mir. — Ersetzen mit anderen Vorstellungen, wie man miteinander umgeht, . . . “ —
Und ich denke, oder weiss vielleicht aus Erfahrung, dass wenn die Eltern die Meinung ihrer Kinder erfragen, viele Probleme auf Anhieb geloest werden koennen — Oder haben sogar jene recht, die sagen, eigentlich gebe es doch gar keine Probleme? — Eigentlich gaebe es vielleicht keine, oder fast keine, wenn . . .